[DE] Arbeitsleben: Kraft neuer Technologien hängt davon ab, mit welcher Intention sie eingesetzt werden – The European


Ein sehr lesenswerter Artikel von Armin Grunwald vom Karlsruher Institut für Technologie. Grunwald skizziert viele relevante Aspekte, die unser Arbeitsleben verändern. Deutlich wird, dass wir über ein ambivalentes und ein globales Thema reden, das nicht auf nationaler Ebene gelöst werden kann. Für mich auch klar ist, dass weder die Kosteneinsparungs- und Arbeitsplatzverlagerungsmassnahmen von Unternehmen noch die dumben Von-Gestern-Verhinderungsstrategien der Gewerkschaften – siehe beispielsweise der E-Mail Verbotsschwachsinn bei einigen Automobilherstellern – an die wirklichen Problem rangehen. Die sind nämlich komplexer – und auch komplexer zu lösen. Eine humane Arbeitswelt ist und bleibt für mich ein Ziel, aber wir müssen konstruktiv gestalten und nicht nur zu verhindern versuchen (was nicht zu verhindern ist) oder Kosten sparen und Stellen streichen.

Die gesellschaftliche Arbeitsteilung setzt sich weiter fort und findet zunehmend auf der globalen Ebene ihren Ausdruck. … Die starke Zunahme von Leiharbeit, deregulierten Arbeitsvereinbarungen sowie freiberuflich Tätigen kann als Ausdruck dieser Flexibilisierungen betrachtet werden, die in allen Industrienationen zu einer Spaltung der Arbeitswelt in gut verdienende auf der einen Seite und prekär Beschäftigte auf der anderen Seite geführt haben. …

Durch die Umstellung auf projektförmig organisierte Arbeit sowie die Einführung leistungsbezogener Arbeitskonzepte werden zunehmend mehr flexibel ausgestaltete Arbeitszeiten und Arbeitsverträge durchgesetzt. Den Erwerbstätigen wird hierbei mehr und mehr Flexibilität und Einsatzbereitschaft im Rahmen ihrer Tätigkeiten abverlangt. So entstehen einerseits neue Formen der Belastungen für die Arbeitenden, die vielfach in der Zunahme von psychischen Krankheiten wie beispielsweise Burnouts und Depressionen zu verorten sind. Andererseits erfährt die Erwerbsarbeit einen zunehmend größeren sinnstiftenden Charakter in der biografischen Gestaltung. …

Diese Überlegungen zeigen einen deutlich ambivalenten Charakter. Die konsequente Verschränkung der IKT mit Formen der Arbeitsorganisation hat durch Rationalisierung und Kapitalisierung gleichzeitig zu einer enormen Effizienzsteigerung wie auch zu sozialen und kulturellen Folgeproblemen geführt. Soziale Verwerfungen treten auf, die nicht mehr im nationalstaatlichen Rahmen zu lösen sind, sondern auf die Notwendigkeit weisen, innovative und kreative Arbeitsstrukturen zu entwickeln. Die Kraft neuer Technologien wird dann wieder davon abhängen, mit welcher Intention und mit welcher Vision sie eingesetzt werden.

via Wandel im Arbeitsleben – The European.



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3 replies

  1. Der Trend der Zunahme der Leiharbeit auf der einen Seite bei gleichzeitiger Steigerung der Gehälter der Besserverdienenden wird sich wohl so schnell nicht umkehren lassen, da er systemimmanent ist.
    Aber was wieder gut zu sehen ist, im Schlechten stecken auch immer die Guten Dinge, Abivalenz halt, oder Polarität. Ich genieße die höhere Flexibiltät auf jeden Fall. Und was das Schöpfen von Ideen angeht, dann hatte ich diese meistens in den Zeiten der Muße. Wenn die bewussten Gehirnaktivitäten runtergefahren sind. Beim meditativen Joggen, oder sogar auf dem Kopfkissen.
    D.h. Arbeiten und Leben verschwimmen zusehends. Und wenn wir dann Freude zulassen …
    Allerdings macht mir die Zunahme der Menschen, die immer mehr abgehängt werden, zunehmend Sorge. Das kann unsere Gesellschaft nur weiter destabilisieren …
    VG Martin

  2. Hallo Martin,
    sehr gute Zusammenfassung der Problematik. Die zunehmende Kluft kann nur besorgt machen. Eine stabile Demokratie braucht meiner Ansicht nach einen stabilen Mittelstand. Wenn es zu sehr auseinander klafft, besteht die Gefahr der Radikalisierung. Hatten wir ja schon mal. Nichtsdesotrotz glaube ich, dass wir versuchen müssen zu gestalten – und nicht zu verbieten.
    Viele Grüsse
    Stefan

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