[DE] Schizophren – Ich bin ein bisschen „Bluna“ ...
Ich habe heute morgen im Bad in den Spiegel geschaut – und zwei Gesichter gesehen. Offensichtlich bin ich schizophren. Meine zwei beruflichen ICH's kämpfen gegeneinander. Dr. Jekyell and Mr. Hyde. Na ja, vielleicht doch falsches Bild, denn meine ICH's sind im Grunde genommen beide nicht „schlecht“ oder mörderisch. Ich bin Marketing Manager für Enterprise Content Management (ECM)-Portfolio der IBM und seit Juli vergangenen Jahres verantworte ich auch das Marketing für die Lotus Brand der IBM in Deutschland. Und ein Teil meines Jobs ist die Promotion unserer Web 2.0-Angebote für Unternehmen.
ECM verlangt Kontrolle. Das Web 2.0 ist durch Offenheit und auch Stückchen Anarchie gekennzeichnet. Mit ECM wollen wir alle im Geschäftsbetrieb entstehenden Inhalte erfassen, kontrolliert bearbeiten, verwalten, im Lebenszyklus verwalten und gegebenenfalls auch vernichten. Inhalte im Web 2.0 entstehen „einfach so“, in Blogs, in Instant Messaging, in Twitter. Am ehesten „kontrolliert“ sind noch Wikis, da es hier um klassiche Co-Authoring, gemeinsames Arbeiten an Inhalten geht. So was kennt man als ECM'ler.
In ECM geht es immer mehr auch um Compliance-Fragen: Welche Inhalte und Dokumente sollte ich wie lange aufbewahren? Was sind die gesetzlichen Regularien, die für mein Unternehmen gelten? Wo kann ich es im Sinne von Risikomanagement wagen, auch Dokumente und E-Mails 'mal nicht aufzubewahren? Was sind geschäftlich relevante Dokumente? Was sind eigentlich Handelsbriefe?
Welcher Web 2.0'ler hat sich schon einmal diese Fragen gestellt? Welcher Digital Native denkt an Compliance? Big Brother is watching you. Ich habe keinen, gut, wenige getroffen. In der Web 2.0-Welt geht es um offene Diskussion, um Erfahrungsaustausch, um Kollaboration und schnelle Kommunikation. Twitter ist rasend schnell. Bei einigen Katastrophen der vergangenen Monate haben wir das festgestellt. Gechattet wird in Echtzeit. Ich habe nicht – wie bei einem Brief und einer E-Mail – Zeit, länger über das nachzudenken, was ich da schreibe. Es kommt spontan, hoffentlich trotzdem überlegt „einfach raus“.
Im ECM-Umfeld geht es oft um dokumentengetriebene Geschäftsprozesse. Alleine dieses Wort ... Es geht um Sach- und Fallbearbeitung, um Aktenverwaltung. Es geht darum, Anträge strukturiert im Geschäftsprozess zu abzuarbeiten, möglichst schnell und effizient: den Bauantrag, den Kreditantrag, die Kfz-Schadensmeldung. Alles unter Kontrolle des ECM-Systems.
Aktenverwaltung und gar Aktenplan – grauselige Worte für einen Web 2.0'ler. Wenn, dann taggen wir doch nur. Über Tags, gemeinsame Lesezeichen und intelligente Suche finden wir ja doch eh alles wieder. Warum soll ich einen hierarchisch aufgebauten, strukturierten Aktenplan pflegen? So – frei nach Marcel Reich-Ranicki – ein MUMPITZ!
In der Web 2.0-Welt mache ich mal schnell einen TeamRoom, eine Quickr-Bibliothek oder – wenn es denn nun unbedingt sein muss - eine Sharepoint-Dokumentensammlung auf. Und strukturierte Geschäftsprozesse – muss das denn sein? Innovation geschieht anarchisch, Wissen ist verteilt. Als ECM'ler aber will ich keine hunderte von Informationssilos, sondern alle Inhalte unter Kontrolle meines ECM-Systems bringen. Die Spannung ist da. Ich bin zwiegespalten. Ich bin schizophren.
Und das ist gut so. Denn es ist spannend. Die konstruktive Auseinandersetzung zwischen anarchischen Web 2.0-Mechanismen und der unausweichlichen Notwendigkeit, diese im Unternehmen als Werkzeug zur Kollaboration und Kommunikation zwischen Unternehmen, Lieferanten, Partnern und Kunden einzuführen. Und dabei noch die Sicherheits-, Compliance- und Prozessanforderungen, in meinem Falle repräsentiert durch Enterprise Content Management zu bedenken. Das ist das extrem Spannende und für mich eine zentrale Frage des Enterprise 2.0.
Ich werde mich weiter damit auseinandersetzen, im Blue Blog, auf der re:publica, der DNUG und vielleicht auch der DMS. Ich bleibe weiter schizophren. Und wenn ich zu „Bluna“ werde, bitte Bescheid sagen.