Vor einigen Monaten hab ich noch regelmässig in Postings die FAZ zitiert, die bei mir samstags immer Frühstückslektüre ist. Einmal in der Woche lese ich noch aus alter Anhänglichkeit das Blatt - ich war dort mal Praktikant in der Neue Medien-Redaktion. Lange Zeit fand ich nun nichts mehr wirklich erwähnenswert oder diskussionwürdig. War Herr Schirrmacher zu ruhig? Oder tat sich einfach in meinem Interessenspektrum zu wenig. Anyway. Heute mal wieder einige Anmerkungen. Bemerkenswert und lobenswert die Besprechung von Heike Schmoll auf Seite 8 zu dem Buch von Oliver Lepsius und Reinhart Meyer-Kalkus Inszenierung als Beruf. Der Fall Gutenberg. Die Überschrift Auf dem Gipfel der Politikleere ist ebenso zitierwürdig die Einschätzung von Heike Schmoll zum Band:
Und wenn er dazu diente, die Öffentlichkeit gegen weitere Politiker zu immunisieren, die Hülle mit Inhalt verwechseln, wäre viel erreicht.
Chapeau! Allein mir fehlt der Glaube. Mit dem Kommentar auf Seite Generation Facebook kann ich nicht so besonders viel anfangen. Es sind einige nette Statements drinnen, aber was will mir der Autor Jürgen Kaube eigentlich sagen? Dass die junge Generation halt mal so wie es junge Leute mit neuen Dingen tun auf Facebook experimentiert. Aha, na dann.
Dieser Wochen wurde von der Krise der grossen Energiekonzerne geschrieben, von Entlassung und Krise bei denen, die sich lange ein goldenes Näschen verdient haben. Da finde ich den Artikel über Stadtwerke und deren Experimente zur Energiewende auf Seite 3 sehr erfrischend!
Logischerweise habe ich die vielen Artikel zu Hewlett-Packard gelesen und das nicht, weil ich unterdessen bei der IBM arbeite. Ich musste an meinen Palm Pilot denken, an die Zeiten als Compaq noch eigenständiger Premiumanbieter war und an den Preis der Druckerpatronen meines Tintenstrahlers. Eine sehr interessante Entwicklung, die Leo Apotheker da einleitet. Ob das gut geht? Ob HP den Weg zur Software und Lösung schaffen wird? In meinem früheren Arbeitsfeld Content Management haben sie ja auch vor Jahren einen ECM-Anbieter gekauft. Doch danach hörte und sah man zumindest in Deutschland nichts mehr oder nur wenig von HP und Content Management. Mit Autonomy soll jetzt alles besser und anders werden?
Selbstverständlich muss ich noch einen weiteren Artikel erwähnen, den im Sportteil zur Gänsehaut-Gala im Borussia Park. Die guten Gladbacher sind so lange vorbei, dass wir Fans über so ein Spiel mal freuen dürfen, ohne gleich von der Meisterschaft und Champions League zu träumen. Lesenswert auch Wenn Werbung und Wirklichkeit kollidieren. Thema: der Stop von Werbekampagnen aufgrund aktueller Ereignisse. Wie halt Werbung unglücklich in die Hose gehen kann, weil etwas passiert, was man überhaupt nicht beeinflussen kann.
Spannend der Ausblick auf den Polizeiruf 110, der am morgigen Sonntag läuft, und der Bericht über die ach so erfolgreichen (oder efolgreich funktionierenden) Momormen:
In einem Amerika, das gespaltener denn je ist und unter einem dramatischen Werteverlust leidet, haben die Mormonen eine beruhigende Wirkung. Sie stellen die beste Truppe und die besten Generäle des "Corporate America".
Also, endlich wieder mal auch für mich eine sehr lesenswerte FAZ. Nach langer Zeit.
Für den Aufreger des Tages sorgt (nach der gestrigen erneuten Niederlage meiner Borussia) heute die FAZ. In Beruf und Chance ist ein ausführlicher Artikel unter der Überschrift "Um den Job gebloggt" erschienen, der folgendes Intro hat:
Früher lästerten Mitarbeiter in der Kantine um den Chef, heute in Internet. Die Folgen können schwerwiegend sein: es droht die fristlose Kündigung.
Danach wird von der Autorin ein amerikanisches Beispiel aufgeführt, wo jemandem fristlos aufgrund eines Tweets gekündigt wurde. Liebe Autorin, so schnell kann man in Deutschland nicht kündigen. Da gibt es das Mittel Abmahnung. Und da gibt es einen Betriebsrat. Losgelöst davon: Wer Betriebsgeheimnisse im Netz ausplaudert, wer dort über seinen Chef und sein Unternehmen herzieht, der hat - um es vorsichtig zu formulieren - nicht nachgedacht. Und der hat auch schon vorher an der Theke in aller Öffentlichkeit geplaudert.
Ja, Social Media Gudelines sind eine sinnvolle Angelegenheit und Unternehmen sollten diese haben und Mitarbeiter im Umgang mit Social Media schulen. Und diese Medienkompetenz zu lehren ist eine Aufgabe von Kindes Beinen an, von Eltern, Kindergarten, Schulen, Universitten, Betrieben, Volkshochschulen.
Dem Artikel fehlt leider jegliche Ausgewogenheit. Die Autorin beleuchtet einseitig vermeindliche Risiken. Welche Chancen und Vorteile das Engagement von Mitarbeitern in Social Media Unternehmen bringen kann, fällt komplett unter den Tisch. Liebe Autorin, auch das kann man recherchieren. Nein, das muß man als gute Journalistin recherchieren. Die FAZ, zu der ich aufgrund meiner Ausbildung als Journalist und meiner Tätigkeit (ich habe mal einige Monate während meines Studiums dort gejobbt) eine durch aus positive emotionale Beziehung hatte, bewegt sich hier au BILD-Niveau. Inhalte und sachliche Aufklärung werden nicht nur einer reißerischen Überschrift mit anschließendem Intro geopfert, auch das Thema wird einseitig polemisch dargestellt. Voll daneben und einer Qualitätspublikation nicht würdig.
Vor Monaten kam es noch häufiger vor, daß ich interessante Artikel aus der FAZ zitiert habe. In letzter Zeit war aber Ebbe, da mich nur wenige Artikel angesprochen oder "gereizt" haben (trotz der Schwächphase meiner Borussia, die sicher nur temporär ist). Heute ist es mal anders. Gleich drei interessante, zitier- oder kommentierungswürdige Beiträge:
"Wikilekas verbannt" - Die FAZ berichtet und kommentiert ausführlich darüber, wie Amazon wohl auf Druck aus Washington Wikileaks aus seiner Cloud verbannt hat und "berichtet über Zweifel an der Cloud". Den optimistischen Prognosen der Analysten von IDC bis Experton werden Bedenken gegenüber gestellt, Unternehmensdaten und private Daten in die Cloud zu stellen und so potentiell die Kontrolle darüber zu verlieren. Manches erinnert dabei schon an Panik- und Angstmache vor der Cloud. Eine differenziertere Betrachtung wäre angebracht, die Public und Private Cloud vergleicht, Data Privacy- und Datensicherungskonzepte sowie vertragliche Vereinbarungen mit dem Cloud-Provider in Betracht zieht. Das Thema bleibt auf jeden Fall, für Unternehmen und Privatpersonen.
Im Feuilleton schreibt Alard von Kittlitz über Stuxnet und den digitalen Krieg. Nein, so martialisch ist der Artikel gottseidank nicht. An einigen Stellen wird beruhigt: Nein, es sei beispielsweise unrealistisch, Biblis durch einen digitalen Angriff zu sabotieren. Nein, es sei unwahrscheinlich, daß sich terroristische Organisation digitaler Waffen bedienen könnten. Ein gewisses Unbehagen bleibt bei mir dennoch. Es ist positiv, daß der Artikel auf die neue Form der Gefährdung aufmerksam macht. Der Autor identifiziert zwei Komplexe der modernen Computerwelt: Die Office-Welt, "ohne die moderne Wirtschaft nicht mehr denkbar" ist, die aber wegen der dezentralen Struktur sehr schwer lahm zu legen sei, und die Welt moderner Industrieanlagen, die durch Stuxnet deutlicher ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt wurde. Auch das Thema digitale Angriffe wird uns auf jeden Fall weiter verfolgen.
Und schließlich geht es in Beruf und Chance um "Ackern bis zum Anschlag", die Wochenarbeitszeit und wie es damit weitergeht: Sven Astheimer schreibt darüber, wie Dienstreisen, Geschäftsessen und ständige Erreichbarkeit die Grenze zwischen Beruf und privatem Leben längst aufgelöst haben. Im Beitrag berichtet er über die Telekom, die eine Richtlinie zum "Umgang mit mobilen Arbeitsmitteln außerhalb der Arbeitszeit" beschlossen hat. Dort steht wohl, daß diejenigen, die keinen Bereitschaftsdienst haben, am Wochenende ihr Handy aus lassen und keine E-Mails checken sollen. Lobenswert. Ein weiterer Komplex, der mich sicher weiter begleiten wird, auf dem IBM JamCamp oder bei meinen Social Media-Vorträgen.
By the way: In meinem einwöchigen Urlaub, der gestern zu Ende ging, war das Handy komplett aus, das iPad nur zweimal im Netz, jedoch eher um Familie und Freunde zu informieren, daß es uns gut ging. Auch habe ich nur einen Blogbeitrag verbrochen, den ich Montag live schalten werde (weil ich Lust auf Schreiben hatte, aber natürlich verschwimmen wieder berufliches Interesse mit privater Schreiblust).
Die FAZ-Artikel werde ich verlinken, so sie denn online gestellt werden.
Ein witziger Test auf FAZ.NET. Man kann unter Ich schreibe wie ... einen eigenen Text einkopieren und das Tool analysiert dann, welchen Stil man hat. Ich habe das mal mit einem Teil meines 140 Zeichen Multitasking-Postings ausprobiert (sicher nicht ein typischer Text). Aber demzufolge schreibe ich leider nicht wie Goethe oder Heine sondern wie
Zu meiner Schande muß ich gestehen, daß ich die Dame nicht kannte. Aber vielleicht ändere ich das ja jetzt einmal:
Ildikó von Kürthy (* 20. Januar 1968 in Aachen) ist eine deutsche Schriftstellerin und Journalistin. Sie schrieb bislang sieben Romane, die alle die deutschen Bestsellerlisten anführten, und ist die derzeit meistverkaufende deutschsprachige Schriftstellerin. Die Gesamtauflage ihrer Bücher beträgt mehr als sechs Millionen. Die Romane wurden in rund 30 Sprachen übersetzt. Die Heldinnen in Ildikó von Kürthys Romanen sind moderne junge Frauen, die mit Witz und Selbstironie ihre eigenen Schwächen schildern und über die Malheurs im Umgang mit Männern räsonieren.
Netzökonom Holger Schmidt hat Stowje Boyd interviewt. Ich finde folgende Stellen einfach sehr prägnant (und zitiere sie deshalb hier einfach einmal).
Zur Entwicklung des Internets:
Das Web ist primär sozial geworden. Früher haben die Menschen in Netz auch kommuniziert, aber das Web hatte die Anmutung einer riesigen Bibliothek. Hunderte Millionen Internetseiten, die untereinander verlinkt sind. Die Nutzer waren aber nur die Leser in den Bibliotheken. Das war eine Kunstwelt. Daher ist das Internet sehr schnell zu einem Ort der Kommunikation und Interaktion geworden. Die zweite Welle im Web ist somit die soziale Revolution. Aber damit ist die Entwicklung nicht beendet. In den kommenden Jahren bildet sich wieder eine neues Internet, das ich das Internet des Flusses nenne, im Gegensatz zum Internet der Seiten.
Und zu dem, was wir bei IBM Social everywhere nennen:
Viele Unternehmen bauen nur soziale Interaktionen in die fundamentalen Ebenen der Computer-Infrastrukturen hinein. Das Soziale wird in mobilen System wie dem iPad oder in Windows 7 eingebaut sein - und das in einem viel tieferen Niveau, als es Facebook heute ist. Noch sind die sozialen Funktionen in diesen Systemen nicht an erster Stelle, aber das ändert sich gerade.
Tja, und dann seine Hoffnung, daß Regulierungsbehörden die Gorillas des Netzes zu Offenheit verpflichten. Ich bin da skeptischer:
Es gibt einen Plattform-Krieg. Es besteht die Gefahr, dass die Unternehmen versuchen, die Interoperabilität mit anderen Plattformen zu verhindern, so wie es die Handy-Netzbetreiber versucht haben, als es nicht möglich war, eine Nachricht von einem Handy-Netz in ein anderes Netz zu senden. Damals hat die amerikanische Regulierungsbehörde FCC eingegriffen und das verhindert. So wird es auch künftig nationale oder internationale Organisationen geben, die Einschränkungen der Interoperabilität verbieten.
Welch ein Artikel im Feuilleton der FAZ vom heutigen 15. Mai 2010 gegen Peter Kruse (noch nicht online verfügbar, Link folgt asap hier nun der Link). Edo Reentz ledert so richtig gegen Kruse und sein Firma Nextpractice ab. Dazu zitiert er Dietmar Moews:
"Kruse ist der Hyper-Schwobler des Internets, vergleichbar nur mit Franz Beckenbauer im Fußball oder mit Peter Sloterdijk im Literaturbetrieb. Mit seiner Brachialrethorik, seiner enorm schnellen Sprechgeschwindigkeit, welche dem Zuhörer keine Chance zu einem klaren gedanken lässt, vermittelt er die Illusion, er hätte unglaublich Bedeutendes und Wegweisendes mitzuteilen."
Eigentlich habe - so der Artikel - Kruse nichts wirklich Erkenntnisreiches zu sagen. Das Handeln sei vielmehr rein wirtschaftlich ausgerichtet. Heftige Kritik wird in dem Artikel auch an den Studien und Erkenntnissen von nextpractise geäußert.
Ich gebe Reents Recht, wenn es um die Verherrlichung und kritiklose Anbetung auch nicht-irokesenschnitt-tragender Ikonen und Rockstars des Web 2.0-Zeitalters geht. Auch hier gehört eine gesunde Skepsis gegenüber den vermeindlichen Heilsbringern dazu. Da scheint mir die Web 2.0-Generation sich genau so zu verhalten wie es auch meine Generation und Generationen vorher mit ihren jeweiligen Stars getan hat. Jedoch bietet das Netz auch mehr Möglichkeiten zur öffentichen Kritik und zum Widerspruch gegen diese Stars. Da scheint mir schon ein Widerspruch zu liegen.
Kruse habe ich persönlich kurz auf der republica kennengelernt und mich mit ihm vor der Tür bei einer Zigarette ausgetauscht. Sinnigerweise haben wir über die Netz-Kritik einer gewissen Tageszeitung gesprochen, die oft (zumindest im Feuilleton) alles, was im Web 2.0 passiert, negativ bewertend über einen Kamm schert. In diesem Gespräch erschien mir Kruse sehr engagiert und authentisch und ich freute mich schon auf seinen Auftritt am 23. April auf dem Lotus JamCamp in Ehningen. Zu dem kam es dann wegen - so Nextpractise - vulkanbedingter Terminkollisonen und -verschiebungen nicht. In Vertretung von von Kruse hielt Frank Schomburg den Vortrag "Strategie am Limit". Dieser bezog sich ja auch auf eine aktuelle Studie von Nextpractise und ich persönlich fand ihn nicht inhaltslos. Die erläuterten Mechanismen und die Unterscheidung in Digital Residents und Digital Visitors erscheint mir oft sinnvoller, als die vereinfachende Klassifizierung nach Alter und Generation.
Selbst wenn keine neuen bahnbrechenden Erkenntnisse enthalten sein sollten, werden viele Dinge behandelt, die kommunikationswürdig sind und die vermittelt werden sollten. Und auch das ist eine Aufgabe: die Vermittlung relevanter Inhalte an ein breiteres Publikum. Und das tut Kruse sicher gut. Blind anbeten und gedankenlos antizipieren, ist sicher nicht empfehlenswert. Aber kann sich ja auch durchaus kritisch und kontrovers mit seinen Thesen und Interviews auseinandersetzen.
Ich zitiere aus der FAZ von heute, wo sich Frank Schirrmacher mal wieder kritisch zum Netz äußert. Anlaß diesmal ist der Stillstand des Luftverkehrs aufgrund von Risikoanalysen aus der Wolke: Im Zeitalter sozialer digitaler Vernetzung werden ähnliche Voraussagen über Menschen gemacht. Soeben hat die Jugendstrafbehörde in Florida bekannt gemacht, dass sie mithilfe der analytischen Software von IBM Aussagen über die soziale Prognose straffällig gewordener Jugendliche machen wird. Das gleiche System der „predicitve analytics“ benutzen die britischen Justizbehörden, um vorherzusagen, ob Straftäter rückfällig werden. Studien zur prognostischen Kraft von Twitter oder Google haben gezeigt, dass die Triftigkeit solcher Prognosen wirklich staunenswert ist. Das macht sie so verführerisch und so gefährlich. Wenn nicht nur die Sicherheit von Flugbewegungen, sondern auch soziale Mobilität, intellektueller Kompetenz, Gesundheit mit dem Gestus wissenschaftlicher Gewissheit vorausgesagt werden kann, genügen wenige Parameter, und die Aufsichtsbehörden des Lebens schreiten ein, so wie jetzt die Luftaufsichtsbehörden. ... Diese benutzen die unendlich große soziale Datenwolke des Netzes und halten sich Unternehmensberater als Heilsbringer. Die soziale Wolke besteht aus unendlich vielen Datenpartikeln, vom Facebook-Eintrag über Einkäufe, Emails, Kommentare bis zu unendlich vielen Korrelationen, die sich ergeben, wenn unsere Daten mit Milliarden anderer Daten abgeglichen werden. Heute steht Ihr Flugzeug still, morgen vielleicht Ihre Karriere. Nur Gestrige können glauben, dass in der Skepsis gegen diese neue Macht die Sehnsucht nach vorindustriellen Zeiten steckt. Es geht vielmehr darum, gegen die Welt der Computer Instanzen des Einspruchs zu etablieren, ...
Wieder einmal ist alles negativ, birgt das Predictive Web nur Gefahren. Natürlich gibt es auch Risiken. Natürlich ist immer noch die Möglichkeit unverzichtbar, daß der Mensch STOP sagt. Aber kann dieses Predictive Web nicht auch viel Gutes leisten? Warum ist Herr Schirrmacher so selten zu einer ausgewogenen Stellungnahme fähig?
Also, ich habe lange überlegt, ob ich auf diesen Artikel Bezug nehme. Er ist in einem Stil geschrieben, der mir sehr fremd und gekünstelt wirkt, in einem Stil, der oft gerade in Feuilletons angesagt und in dem sich die Autoren nur zu oft der stilistisch selbst befriedigen. Ich bin da eher ein Freund von Wolf Schneider und Ludwig Reiners, die für die klaren journalistische und vor allem verständliche Sprache plädiert haben. Aber der Artikel aus der FAZ-Community greift auch einige aus meiner Sicht interessante Aspekte auf.
Der Artikel von Michael Seemann skizziert, wie Wissen in den verschiedenen Phasen der Menschheitsgeschichte aufbewahrt, "archiviert" wird:
Anhand der frühen Ägypter zeigt er, wie der Wissenstransfer sich in der Vorgeschichte ganz anderer Zeichen bediente, als die Schrift. Dort hatten nämlich Gräber und rituelle Orte diese Aufgabe. An ihnen knüpfte sich das überindividuelle Gedächtnis; die Koordinaten der Erinnerung, in der die Menschen ihre kulturellen Errungenschaften: ihre Geschichten, Genealogien und ihre Kunstfertigkeiten kodierten und abspeicherten, um sie von Generation zu Generation weiter zu geben.
Die Schrift hat dann eine neue Epoche eingeläutet. Und das Internet ist nun der nächste Schub:
Der Übergang zur Schrift als zentralem Erinnerungsmedium hat also die Menschen befreit. Die ewige Wiederholung des Immergleichen und die enge Bindung an bestimmte Orte, waren zu einem gutteil aufgelöst. Man kann diesen Einschnitt nicht hoch genug bewerten. Es war eine Emanzipation, die nur mit jener vergleichbar ist, die der Buchdruck im Gewande der Aufklärung mit sich brachte. Oder heute das Internet.
Natürlich muß - dazu ist es ja das Feuilletion der FAZ - kritisch mit dem Web umgehen und die Banalitäten (und ja, es kursieren auch Perversitäten) betonen. Aber immerhin wird doch anerkannt, daß das Internet dramatisch zur Emanzipation und zur freien Verfügbarmachung von Informationen und Wissen jeglicher Art - banalen Wissens und relevanter Information - beiträgt:
Die Zyklen der Entwertung werden dabei immer kürzer und das Internet frisst wie ein Mähdrescher alle Errinnerungen auf und macht das Bauchnabelpiercingfoto gleich neben Goethes Faust für alle zugänglich. Ich verstehe, dass das Manche melancholisch macht. Man darf sich darüber aber nicht täuschen: das ist eine Emanzipation. Niemand hat gesagt, dass sie gut riecht, die Freiheit.
Und genau wegen dieses Absatzes hab ich das Posting geschrieben!
Ein kleiner Exkurs und ein weiteres Zitat erlaube ich mir in Erinnerung an mein Studium zur Entwicklung der modernen Öffentichkeit durch die im 19. Jahrhundert sich befreiende Presse und ein leider nur teilweise liberales Bürgertum:
Das Bürgertum war selber solch ein Archiv des kulturellen Gedächtnisses und genau als solches eben eine Stütze der Gesellschaft. Eine Erinnerungs- und eine Vorbildstütze, die, bevor die Medien immer globaler wurden, die lokalen Rollenmodelle der Gesellschaft bildeten. Den Niedergang dieser institutionellen Position, die archiv'sche Entwertung - auch durch das Internet - beschreibt Don Alphonso so treffend wie wehmütig. Das Bürgertum stirbt in seiner Rolle als Identitätsressource und regionales Kulturarchiv.
Aber ist es dann damit getan, auf diese und andere Bedrohungen oder die ganz normalen Intoleranzen mit der Oktroyierung von Datenschutzreglementierungen zu reagieren? Insbesondere, wenn man die Annahme zu Grunde legt ..., dass sich ein heutiges Verständnis von Datenschutz sowieso nicht halten lassen wird. Die Daten werden erodieren, sich verschalten und explodieren, sie werden sich auf Dauer jeder Beherrschbarkeit entziehen. ...
Wir müssen aufhören, nur Daten schützen zu wollen und hinkommen zu einer Politik, die Identitäten schützt. Das können wir den Menschen zwar nicht abnehmen, aber was wir tun können, ist ihnen Tools in die Hand zu geben, mit denen sie ihre Identitäten verkomplizieren und Managen können, um mit ihnen aktiv von einander geschiedene Identitätsphären aufbauen zu können. Denn es ist und bleibt wichtig, dass sie sich untereinander vernetzen können und dabei geschützt bleiben. Jedenfalls so lange das noch möglich ist.
Aus meiner Sicht sehr wichtige und richtige Aussagen zum Thema Datenschutz und vor allem Identitäts- und damit Schutz der persönlichen Intimsphäre: um den Personenschutz im Netz. Die aktuellen Forschungsergebnisse der Stiftung Warentest, wie persönliche Daten in einigen sozialen Netzen gerade nicht geschützt sind, bestätigen und verstärken die Notwendigkeit, gesetzlich mit entsprechenen Regularien vorzugehen und hier einen strikten Rahmen zu schaffen (so schwierig das in einer internationalen Internet-Welt möglich ist.
Daneben - und meiner Meinung nach noch wichtiger - ist laufende Aufklärung, Sensibilisierung und Ausbildung für das Thema - und das bitte nicht nur dadurch, die Negativbeispiele marktschreierisch nach vorne zu stellen. Risiken und Chancen der sozialen Netze und des Webs gehören sachlich und fachlich korrekt und ausgewogen beleuchtet.
Angeregt durch den Frühjahrsputz-Artikel habe ich mich heute dann doch aufgerafft und räume meinen Schreibtisch auf. Und siehe da. Da liegt die FAZ vom 6. Februar 2010, der Wirtschafts-teil mit einem Kommentar von Carsten Knop mit dem Titel "Die digitale Evolution geht weiter". Darüber wollte ich eigentlich mal etwas geschrieben haben. Und nun ist der Zeitpunkt. Und wunderbarer Weise ist der Artikel jetzt auch online auf FAZ.NET. Knop nimmt in dem Artikel zur derzeitigen iPad-Hysterie Stellung, die ja gerade auch von der FAZ und Frank Schirrmacher mit angeheizt wird. Knop schreibt:
Dem iPad von Apple zum Trotz: Der Personalcomputer ist nicht tot.
Und später fügt er hinzu:
Man muss sich gar keine Sorgen darüber machen, ob Apple auch künftig noch durch Wettbewerber in Schach gehalten wird. Denn dafür sorgt ein so wettbewerbsintensiver Markt wie dieser von ganz allein. So hat sich auch Microsoft längst damit abgefunden, dass es neben Windows auch noch andere Betriebssysteme im Computeralltag gibt, zum Beispiel das lizenzgebührenfreie Linux und natürlich auch OS X von Apple. Selbst das wird in der weit entfernten Zukunft so bleiben. Apples Betriebssystem wird niemals das von Microsoft ablösen – und umgekehrt gilt das ebenfalls.
Und:
So ist die IT, sie ist so unübersichtlich und wechselhaft wie das Leben. Daran kann selbst ein Steve Jobs zum Glück nichts ändern.
Neben Steve Jobs würde ich noch andere Herren aus Redmond und in Mountain View hinzufügen. Ich denke, daß genau die Vielfalt bestehen bleiben muß und zu große Dominanz oder gar die monopolartige Position eines Herstellers schädlich ist. Und darauf sollte man ein sorgsames Auge werfen. Ansonsten danke für diesen Kommentar, der gegen die derzeitige Pad-Hysterie wirkt.
Es wird entscheidend sein, dass es viele Plattformen, viele Unternehmen, viel Konkurrenz auf der technischen Seite gibt; es muss gewissermaßen Bürokratien geben, die sich gegenseitig in Schach halten. Und es muss verstanden werden, dass fast alle technologischen Neuerungen auf dem digitalen Sektor zu kognitiven Veränderungen geführt haben. Sie haben zu unendlicher Kreativität geführt, solange die Systeme offen waren und jeder sich an ihrer Evolution beteiligen konnte.
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