Die FAZ hat es (sowohl online wie auch heute in der gedruckten Ausgabe) aufgegriffen, das Thema Nutzung von Web 2.0 Tools am Arbeitsplatz. Zitiert wird eine amerikanische Studie, demzufolge die Mehrheit der amerikanischen Unternehmen die Nutzung von Facebook und Twitter am Arbeitsplatz verbieten. Nun greife das Problem auch nach Deutschland über und – so ein zitierter Anwalt – das Nutzen sozialer Netzwerke am Arbeitsplatz bringe gleich einen Strauß rechtlicher Probleme mit sich. Ich glaube, es ist mal wieder das richtige Augenmaß und die richtige Perspektive gefragt. Die rein private Nutzung von Twitter oder Facebook ist unter einem Blickwinkel genauso zu sehen wie private E-Mail, privates Surfen oder das Lesen der bildenden Zeitung während der Arbeitszeit. Wer sich während der Arbeit „entspannen“ will, wird dies so oder so tun.

Daneben gibt es die rechtlichen Aspekte, dass sich ein Mitarbeiter über das eigene Unternehmen, dessen Produkte und Angebote oder seine Vorgesetzten im sozialen Netzwerk äußert, dies von dritter Seite verwendet wird und im schlimmsten Fall virale Verbreitung erfährt. In dieser potentiellen viralen Verbreitung liegt das besondere solch sozialer Netze, insbesondere von Twitter.
Vergangene Woche hatten wir auf dem IBM Breakfast Briefing mit Dr. Ulrich Kampffmeyer und Fachanwalt Jens Bücking zum Thema Compliance, insbesondere E-Mail Archivierung, eine ähnliche Diskussion. Soll man private E-Mail erlauben oder verbieten? Ist den Anwendern klar, dass auch E-Mails verbindliche Handelsbriefe sind? Muss ich diese E-Mails, die im Gechäftszusammenhang stehen oder steuerrelevant sind, dann nicht auch aufbewahren, revisionssicher archivieren? Das Thema Web 2.0, Twitter und Facebook ist nur die nächste Stufe, die deutlich macht, dass man seine Mitarbeiter und Anwender im Umgang mit „neuen Medien“ schulen muss.
Es muss ein Bewusstsein geschaffen werden, was eine E-Mail bedeuten und was eine Twitter-Nachricht oder ein Facebook-Eintrag bewirken kann. Es muss vermittelt werden, was die rechtlichen Auswirkungen sein können und es sollte auf jeden Fall auch eine E-Mail- und Social Media-Etikette vermittelt werden. Wir reden hier von E-Mail- und „Social Media Guidelines“, von Richtlinien und Informationen für die Anwender, wie sie mit den Werkzeugen bewusst umgehen sollten. Wir haben beispielsweise solche Richtlinien in der IBM. Und es genügt übrigens nicht, diese Richtlinien zu besitzen. Sie müssen auch gelehrt, gelernt und gelebt werden – und nicht als nicht gelesener Intranet-Eintrag verkommen, der lediglich der rechtlichen Absicherung dient. Und natürlich gehört auch die Abstimmung mit dem Betriebsrat in mitbestimmten Unternehmen dazu. Und jeder wird dann gemäß seiner Persönlichkeit damit umgehen, aber hoffentlich eben bewusst.
Der FAZ Artikel und der zugehörige Kommentar legen viele wichtige Aspekte offen, die rechtlichen, wie oben beschrieben, ebenso wie das Verschwimmen der Grenze von privater und beruflicher Identität. Ich habe letzteres auch zu trennen versucht und habe zwei Twitter-Konten, den bewusst als beruflich mit Firmenzugehörigkeit deklarierten @Stefan63atIBM und den privaten (den ich auch mal privat halte). Jedoch habe auch ich gemerkt, dass die Grenzen verschwimmen.
Mancher Witz wird unterdessen mit Followern und Freunden auch über @Stefan63atIBM gemacht. Und solange ich mir meiner Aussagen bewusst bin und diese kontrolliere, empfinde ich das unterdessen als ok. Ähnlich ging es mir auch mit Facebook, das ich eigentlich rein privat nutzen wollte. Auch dort sind die Grenzen inzwischen verschwommen. Aber nochmals: Wichtig ist der bewusste Umgang mit meinen Aussagen. Und wichtig ist auch der bewusste Umgang mit der digitalen Reputation.
Ich glaube unterdessen, dass die Trennung zwischen beruflicher und privater Identität zunehmend schwer, vielleicht sogar unmöglich wird. Es steht noch ein Treffen und eine Diskussion mit einem Bekannten aus, der sich einerseits als Journalist neutral-sachlich äußert, als privater Blogger jedoch durchaus scharfe Spitzen abschießt. Und er argumentiert auch so: Das ist mein privater Blog. Da darf ich. Ich halte das aus oben genannten Gründen für schwierig. Ich glaube, die Identitäten sind nicht mehr so klar zu trennen. Augenmaß – und da stimmt die Überschrift des Kommentars der FAZ – und Bewußtsein sind gefragt.
Die FAZ behandelt die Risiken. Was mir fehlt, sind zwei wesentliche positive Perspektiven frei nach dem Motto entdecke die Möglichkeiten: die bewusste berufliche Nutzen von Facebook und Twitter und der unternehmensinterne Einsatz solcher Werkzeuge. Twitter, Facebook, Xing und andere Plattformen können bewusst zum Nutzen des Unternehmens eingesetzt werden. Man kann dort relevante Nachrichten – von der Veranstaltung bis zur Produktankündigung – publizieren und verteilen. Man kann dort in Kommunikation, in den Gedankenaustausch und Diskussion treten, und dadurch auf seine Expertise und die Angebote des Unternehmens aufmerksam zu machen. Man kann die sozialen Netze bewusst auf Informationen und Nachrichten prüfen, die für das Unternehmen interessant sind. Wir sind unterdessen im Lotus-Bereich der IBM so weit, dass wir interessante Tweets oder Forumsbeiträge als Lead, als Verkaufschance „bookmarken“ und nachverfolgen.
Und all diese genannten Möglichkeiten sind nicht auf IT-Unternehmen wie IBM beschränkt. Auch der Handwerker kann sich in Foren umtun, sich dort als Fachmann präsentieren und „Leads generieren“. Hier redet man dann hochtrabend von einer Social Media-Strategie. Diese Chancen sollten aber bei allen Risiken, die die FAZ behandelt hat, nicht vergessen werden. Und ich wage die Aussage, dass Unternehmen nicht um eine Social Media-Strategie herumkommen, die auch regelt, wie Mitarbeiter die Medien benutzen sollen und dürfen.
Und ein zweiter wichtiger Aspekt, der sicher weit über das Thema des FAZ Artikels hinausgehen würde, ist der unternehmensinterne Einsatz von sozialen Netzen, Blogging-, Microblogging-Werkzeugen oder Wikis, das was oft unter dem Stichwort Enterprise 2.0 diskutiert wird.
Auch hier stehen wir im Aufbruch. Viele Anwender haben sich beruflich bewusst über Xing vernetzt. Eine ähnliche Vernetzung macht aber durchaus auch im Unternehmen Sinn. Alle IBM Mitarbeiter sind im Mitarbeiterverzeichnis aufgeführt. Und das klassische Mitarbeiterverzeichnis ist unterdessen mehr. Es ist ein soziales Netzwerk, in dem man vielfältige Informationen zu einem Mitarbeiter finden kann, nicht nur seine Telefonnummer, sondern auch seine Expertise, sein Fachwissen, seine Blog- und Wiki-Einträge. Die Mitarbeiter werden als Experten „getaggt“, mit Schagworten versehen und sind dadurch leicht als solche wieder auffindbar. Die Web 2.0 Informationen sind – oft im Gegensatz zum kommerziellen Web 2.0 – eng miteinander vernetzt und klar zu einem Autor zuordnenbar.
Solche firmeninterne sozialen Netze werden immer mehr Verbreitung finden. Sie sind eine intelligente Erweiterung der klassischen Mitarbeiterverzeichnisse und ein eleganter Weg, Wissen und Informationen im Unternehmen wesentlich einfacher zugreifbar zu machen. Und auch die Perspektive ist nicht weit, dass man solche Funktionen sozialer Netzwerke und von Social Software auch nutzt, um mit Kunden, Lieferanten und Partnern in geschlossenen, sicheren Netzen Informationen auszutauschen, beispielsweise in der gemeinsamen Projektabwicklung. Für mich hat sich so ein differenziertes Netz von sozialen Netzen entwickelt: Facebook (meist) für das Private, Xing als Business Netzwerk, Connections als Netzwerk in der IBM, LotusLive als sicheres Netzwerk zum sicheren Austausch von Informationen und Dokumenten mit Partnern und Kunden, leider alle mit separatem Login. Aber auch hier gibt es ja mit Open Social-Gedanken, wie das Leben in vielfältigen sozialen Netzen einfacher werden soll.
Kleiner Nachtrag und Werbung in eigener Sache (obwohl?): Auf dem Enterprise 2.0 Summit in Frankfurt werde ich am 12. November eine Diskussion zu Best-Practices for Internal Communications 2.0 moderieren, die das Thema interne Nutzung im Schwerpunkt hat.

Veröffentlicht von StefanP.

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