Auf der diesjährigen DMSExpo – die gibt es überraschenderweise noch, also mehr oder weniger … – wird es am Dienstag, 24. September 2013, 14.30 Uhr eine Podiusmdiskussion zwischen Dr. Ulrich Kampffmeyer und Michael Dreusecke darüber geben, ob Web 2.0 tot ist oder im Kommen. Einige prägnante Zitate aus „vorbereitenden“ Artikeln:

Michael Dreusecke:

… Die Befreiung des Lesers aus seiner Rolle als reiner Betrachter, hin zu aktiver Mitgestaltung und Teilhabe, hat gerade erst begonnen. Sie zu fördern und in weiteren Bereichen einzurichten, halte ich für eine der wichtigsten gesellschaftlichen Aufgaben. Nur so lassen sich Prozesse wirklich transparent machen und der öffentliche Meinungsbildungsprozess unterstützen. Der Titel unserer Veranstaltung muss daher lauten: „Hello 2.0“.

Dr. Ulrich Kampffmeyer:

… Wir müssen uns hier von der Vision „2.0“ verabschieden, weil eine andere Zahlenkombination, „1984“, immer mehr in den Vordergrund rückt. Ernüchterung, aber keine Panik, ist angesagt. Das Rad lässt sich nicht zurückdrehen. Von den Möglichkeiten der modernen Kommunikation kann man sich nicht verabschieden. Wir sind längst die Junkies des Informationszeitalters. Wir können nicht zu den idealistischen Aufbruchtagen des Web 2.0 zurück. Vielfach werden die Auswirkungen des Web 2.0 jetzt erst deutlich und sie sind nicht immer positiv. Mit Web 2.0 haben sich auch neue Wirtschaftsmächte etabliert, die ebenso wie Staaten Information zur Beherrschung benutzen. Auch dies sind Gründe, sich von den idealistischen Vorstellungen des Web 2.0 zu verabschieden – Goodbye 2.0. …

via Die Zeit ist reif für dieses Thema: Hello2.0 oder Goodbye2.0 | DOK.magazin.

Uli bezeichnet das „Web 2.0“ auch als eine Phase der frühen Informationsgesellschaft. Hoffentlich Phase und nicht Phrase. Meine 2 Cents: Selbst oder gerade die NSA-/Prism-Vorfälle forcieren Verhaltensweisen des Web 2.0. Web 2.0 ist nicht blindes Vertrauen auf eine offene Informationsgesellschaft und sogenannte Gutkonzerne. Der Kern von Web 2.0 ist für mich Transparenz, ein guter Schuß Misstrauen und Nachfragen sowie offene, nicht zu stoppende Diskussion.

Snowden und andere Whistleblower – soll man sie trotz aller rechtlichen Bedenken die Robin Hoods des Web 2.0 nennen? – zeigen, einerseits den Missbrauch mit unseren Daten, andererseits aber, dass solche Dinge früher oder später aufliegen. Unaufthaltsam … Den Versuch, zu kontrollieren, gab es immer. Im mobilen, sozialen Internet-Zeitalter gilt es für Controlettis mehr Informationen denn je mit moderneren Technologien als jemals zuvor zu überwachen. Dass das getan wird, überrascht im Grunde genommen nicht. Auch gewisse Verhaltensmuster, wie das Zerstören von Festplatten beim Guardian, ist nicht so neu. Wir hatten auch schon mal eine Spiegel-Affaire.

Mein Fazit: Zwopunktnull-Verhaltensweisen liegen in den Genen unseres Zeitalters und sind nicht mehr zu stoppen. Sie nagen an den Grundfesten von Hierarchien, stellen diese in Frage. Die Ereignisse im Nahen Osten, der arabische Frühling mit allen Herausforderungen, die wir jetzt dort haben, sind auch zu guten Teilen durch ZwoNull-Verhaltensweisen initiiert worden. Das gilt nicht nur für die Politik sondern auch für Unternehmen, die ihre Management-Prinzipien ändern müssen, teilweise wollen.

Die Prism-/NSA-Enthüllungen haben etwas Gutes: Die Sensibilität und öffentliche Diskussion rund um das Thema Datenschutz ist rasant gestiegen. Endlich widmet man sich mal auf breiterer Front diesem „Neuland“. Und das ist gut so. Nicht gut ist die tumbe Verweigerungshaltung gerade vieler Deutscher gegenüber dem Netz. Web 2.0 heisst nicht Verweigerung. Web 2.0 heisst aktive, kontroverse, öffentliche Auseinandersetzung und hat auch was mit Demokratieverständnis und aktiv Gestalten wollen zu tun. Und ja, es ist noch ein ganz, ganz langer Weg mit vielen Widerständen, im Web 2.0 genauso wie im Enterprise 2.0 oder Social Business. Mir egal, wie wir die Kuh nennen. Wir kennen alle den Satz vom langen Bohren dicker Bretter … Also von wegen Goodbye …

P.S. Eine Randbemerkung: Auf der Project Consult HomePage wird Uli Kampffmeyer als Web 2.0 Evangelist bezeichnet. Man versteht ja, was gemeint ist, aber bitte hört endlich auf das Wort Evangelist zu benutzen. Es ist respekt- und gedankenlos im Umgang und der Kommunikation mit anderen Kulturen und Religionen. Dass, was man sagen will, kann man auch anders sagen.

Veröffentlicht von Stefan Pfeiffer

Stefan Pfeiffer ist seit 2007 bei der IBM in verschiedenen Marketingpositionen tätig. Als gelernter Journalist hat er natürlich eine Leidenschaft für das Schreiben, die er hier im CIO Kurator, aber auch in seinem persönlichen Blog DigitalNaiv auslebt. Seine inhaltliche Leidenschaft im IT-Umfeld gilt dem digitalen Arbeitsplatz, dem Digital Workplace. Auf Twitter ist er als @DigitalNaiv „erreichbar“.

2 Comments

  1. Hallo Stefan,
    dank Dir für Deine Auseinandersetzung mit unseren Thesen. Vier kleine Anmerkungen:

    1) „2.0“ oder „Web 2.0“: Bei „2.0“ geht es nicht unbedingt um „Web 2.0“ :-), denn Anlass für „Goodbye2null“ war konkret die Ankündigung von „Identität 2.0“. Ich meine, es gibt der „2.0“s zu viele und zunehmend inhaltsleere. Ich hatte übrigens auch IBM so verstanden, dass man „Social Business“ vorantreibt, um nicht beim „2,0-Nachmacher“ Enterprise 2.0 stecken zu bleiben.

    2) „E……“: Ja, ja, die Marketiers 🙂 Immerhin steht das „E“-Wort nicht auf meiner Visitenkarte (das kenne ich nur von anderen Firmen). Man muss auch immer sehen, was einem „zu-attributiert“ wird. Und das fand die Kollegin wohl das „E“-Wort noch erträglicher als das „P“-Wort in Zusammenhang mit ECM.
    Dir noch ein schönes Wochenende und bis zur DMS EXPO dann!

    3) „Hello 2.0“: Wer im Jahr 2013 noch mit „Hello 2.0“ daherkommt, ist einfach 10 Jahre zu spät dran. Wir sind uns einig, dass bestimmte Formen der Informationsnutzung (die man heute nicht mehr in den alten Ht „2.0“ aus dem Jahr 2003 werfen kann) noch immer nicht bei allen oder schon gar nicht in allen Unternehmen angekommen sind. Hier dürfte es heute sogar hinderlich sein, wenn man versucht solche Lösungen als „2.0“ zu etikettieren. Dazu ist „2.0“ zu ausgelutscht.

    4) „liegt uns in den Genen“: Frank Schirmmacher (Payback) hatte vor zwei Jahren populistisch postuliert, dass wir inzwischen auch genetisch an die Form der Informationsnutzung angepasst werden. Nur ganz so weit ist es nicht. Dies zeigt sich auch beim „Impact“ den letztlich die Poweruser im Web auf das reale Leben haben. Wir sind hier immer noch eine kleine Minderheit, die sich zwar sehr gut selbst feiern kann, aber auf Politik, Wirtschaft und Gesellschaft noch keinen durchschlagenden Einfluss hat. Du greifst hier das Thema #NSA auf. Ja, wir machen aufmerksam – wie lange mit welchem Erfolg? Einen Erfolg hat Whistleblower Snowden erreicht (und sollte daher einen Orden von Obama erhalten). Die Ausspäher und Manipulierer werden besser. Noch einmal wird es so große Lücken nicht geben. Es wird alles noch geheimer und noch mehr im Untergrund passieren. Ganz abgesehen davon, dass das Ausforschen und Manipulieren des Sofa-sitzenden Wohlstandsbürgers (der ja nichts zu verbergen hat 🙂 ) durch die großen Internet-Konzerne noch massiveren Einfluss hat als das Ausforschen und Überwachen mittels Tempora, XKeyscore und Tempora (oder in Europa mit #INDECT und Co.), noch direkteren Einfluss auf unser Leben hat. „2.0“ steht hier für mich auch für die Illusion des freien Webs, der unendlichen Informationsfülle, der Kommunikation, des Sharing. Und ein „Goodbye 2.0“ ist für mich auch ein Abschied von dieser Illusion aus dem Jahr 2003.

    Ein schönes Wochenende noch,
    Uli

    Antwort

  2. […] und meiner Wenigkeit moderiert. Vorangegangen war eine Diskussion um den Begriff 2.0, in die auch ich eingegriffen habe, als Nagetier 2.0 (wie mich Ulli getweeted hat). Immerhin Nagetier 2.0 und nicht Ratte 2.0 … […]

    Antwort

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