Das Netz – eingefrorene Kommunikationskanäle statt feuriger Debatte?

Lesenswert ist er auf jeden Fall, der Beitrag von Mathias Müller von Blumencron in der FAZ. Hier „meine“ Kernauszüge“:

Bürger, Wähler sind in der Regel keine Fachleute, und sie müssen es nicht sein. Sie nutzen Filter, die für sie das Weltgeschehen sortieren, analysieren, kommentieren. Filter können Medien sein. Die waren über Jahrzehnte die wichtigsten Initiatoren informierter Diskurse.

Ein ebenso bedeutender Filter sind die Empfehlungen und Ansichten der Nächsten, der Familie, der Freunde. Sie beruhen allerdings nicht immer auf großem Fachwissen. Deshalb haben Medien, bei aller Anfälligkeit für Fehlleistungen, in demokratischen Gesellschaften eine konstituierende Bedeutung: als Vermittler zwischen Fachleuten und Laien, zwischen Politik und Gesellschaft …

Doch seit einigen Jahren wählen immer mehr Leute Informationswege jenseits der klassischen Medien. Sie konfigurieren sich Informationsströme – in der Mehrheit nicht nach Sachthemen, sondern nach Personen. Der persönliche Newsfeed … ist für immer mehr Nutzer der zentrale Informationsstrom, … Doch die Reihung willkürlich zusammengesuchter Texte zu subjektiven Informationsströmen führt zur Einseitigkeit. Genauso wie im richtigen Leben gruppieren sich die Leute im Netz um ihresgleichen: Heimat ist nicht der Platz der feurigen Debatte, Heimat ist die Geborgenheit unter Gleichdenkenden.

Dabei war es ein Teil des Traums, dass die sozialen Medien, diese Meisterwerke der Kommunikationstechnologie, den Schweigsamen eine Stimme geben, den Unterdrückten eine Möglichkeit zum Protest verschaffen, …

Der Schwarm werde es richten, sagen unverdrossen die Optimisten. Die Menschheit sei ja nun vereint durch das eine Medium. Doch den Schwarm gibt es nicht. Es gibt nur Schwärme. Die schwimmen selbstbewusst durch die Weiten der digitalen Sphären. Nur begegnen sie sich seltener, verlernen langsam die gemeinsame Sprache.

via Cyberwelt: Das Netz der Fremden – Denk ich an Deutschland – FAZ.

Ich kann dem nicht ganz folgen. Das Netz – ich benutze den Begriff einfach mal so, obwohl man das sicher näher definieren müsste – hat auf jeden Fall neue Reichweiten und Möglichkeiten geschaffen, sich unabhängig von klassischen Medien zu gruppieren oder zu informieren. Doch nicht erst seit dem Netz haben sich Gleichgesinnte gesammelt und oft nur „ihre“ Meinung zugelassen, nur ihre Publikationen und Medien gelesen und gehört. Ignoranz und Intoleranz sind nicht mit oder durch das Netz entstanden.

Bei aller Sympathie für unabhängige Medien: Wurde nicht das Netz und seine Mechanismen von vielen der klassischen Medien schlicht verschlafen? Von wegen Vermittlung zwischen Fachleuten und Laien: Wieviele Bürger haben denn die klassischen Medien noch erreicht bzw. erreichen sie noch? Ja, das Netz wird auch von Fanatikern und Radikalen missbraucht. Ja, sogar demokratische Regierungen haben abgehört, hören ab und verletzen die Rechte des Einzelnen.

ABER: Das Netz ist eine nicht aufzuhaltende Transparenzmaschine, NSA hin, Blockadeversuche her. Der arabische Frühling wäre nie ohne das Netz möglich gewesen – mit allen Konsequenzen, mit denen wir jetzt zu kämpfen haben. Das Netz und die damit erzeugte Öffentlichkeit ist die stärkste Waffe für Unterdrückte. Ja, wir brauchen dort mehr Diskurs, Quailität und Inhalte, weniger Propaganda und Infiltration. Vermittler, nicht Fanatiker sind gefragt. Aber das Glas ist nicht halb leer. Es ist mindestens halb voll.

Veröffentlicht von Stefan Pfeiffer

Stefan Pfeiffer ist seit 2007 bei der IBM in verschiedenen Marketingpositionen tätig. Als gelernter Journalist hat er natürlich eine Leidenschaft für das Schreiben, die er hier im CIO Kurator, aber auch in seinem persönlichen Blog DigitalNaiv auslebt. Seine inhaltliche Leidenschaft im IT-Umfeld gilt dem digitalen Arbeitsplatz, dem Digital Workplace. Auf Twitter ist er als @DigitalNaiv „erreichbar“.

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