In der FAZ vom Samstag gibt es einen sehr lesens- und bedenkenswerten Leitartikel von Nikolaus Busse mit der Überschrift „Die Geister der Vergangenheit“. Auch wenn ich den Hauch des reinen Wirtschaftsliberalismus unter Negierung des Sozialliberalismus zu riechen glaube, gibt es viele Aussagen, die man unterstreichen kann und muss. Busse eröffnet seinen Beitrag mit den drei „großen“ Ideen des Zusammenlebens in der Moderne: dem Sozialismus, dem Nationalismus und eben dem Liberalismus und sieht eindeutige Tendenzen, dass sich wieder die Extremen zu Wort melden.

Griechenland- und Finanzkrise, Ukraine-Konflikt und Krisen allenthalben, radikaler Islamismus, Flüchtlingsströme, die Digitalisierung und Veränderung der Arbeitswelt fördern Unsicherheit und spielen den radikalen Rattenfängern von links und rechts in die Hände:

„Damit wird die liberale Ordnung von zwei Seiten in Frage gestellt: Sie erscheint schwach im Inneren und angreifbar von außen. …

Die Nationalisten wollen die Völker Europas wieder spalten; gegen Ausländer und den Islam brüllen sie mitunter so schrill, wie früher gegen das Judentum gebrüllt wurde. Und die Sozialisten haben nicht den frei handelnden Bürger im Sinn, sie träumen immer noch von der Staatswirtschaft. …

… An den Universitäten und Stammtischen hat ein antiliberales Gedankengut überdauert, das nur auf seine Chance gewartet hat. Es greift die offene Gesellschaft mit dogmatischer Sprache da an, wo sie am schwächsten ist: an ihrem Pluralismus, am ständigen Aushandelns des Gemeinwohls. Nirgendwo sollte man besser wissen als in Europa, wie gefährlich das ist.“

Um es mit Udo Lindenberg – das Konzert vom vergangenen Samstag wirkt nach – zu sagen: Die bunte Republik Deutschland braucht keinen Führer, keine rechten Dumpfbacken vor Flüchtlingsheimen und keine linken und rechten Stammtischparolen. Wir brauchen die offene Gesellschaft, Zivilcourage, den Mut zur Auseinandersetzung und zum latenten Wandel.

Entgegen der wohl eher vorherrschenden Meinung der FAZ müssen wir aber auch in der Lage sein, rein proftorientiert agierende Wirtschaftseliten ohne jegliches Verantwortungsgefühl, eine nicht hinterfragende, nur ausführende Managementbürokratie und deren Handeln und Versagen in Frage zu stellen. Erinnern wir uns: In Deutschland ist die Wirtschaftselite schon einmal ohne jegliche moralische Verantwortung den Extremisten nachgelaufen, hat sie zumindest geduldet und mehr oder weniger nur exekutiert. Das Wort „exekutiert“ hat hierbei mehr als nur einen schalen Beigeschmack.

Doch zurück zum Leitartikel der FAZ: Reiner Wirtschaftsliberalismus ohne Verantwortung für das Gemeinwohl, ohne soziales Handeln, wird den Extremisten links und rechts weiteren Zulauf verschaffen. Gerade in der Wirtschaft muss das Gemeinwohl immer wieder neu ausgehandelt werden. Dabei geht es nicht um Piloten- oder Lokführerstreik. Das sind Nebenkriegsschauplätze, die wiederum nur zu gerne populistisch verwendet werden. Die wirkliche Herausforderung der kommenden Jahre ist eine andere. Die anstehende, unaufhaltsame digitale Transformation in einer globalisierten Welt wird zu weiteren Verwerfungen und Verunsicherungen führen. Wenn Politik und Wirtschaft hier nicht über das nächste Quartalsergebnis oder die nächste Legislaturperiode hinweg aktiv gestalten, werden die linken und rechten Gehirnprothesenträger hier in Deutschland – man verzeihe die Anleihe an FJS – weiteren Zulauf bekommen. Derzeit geht es uns wirtschaftlich vergleichsweise sehr gut. Ich mag nicht daran denken, wenn es in Deutschland wieder eine Wirtschaftskrise geben sollte.

Wir brauchen gerade auch hier in Deutschland den konstruktiven Dialog und auch die Kontroverse darüber, wie Arbeit, Wirtschaft und Gesellschaft künftig aussehen sollen. Und wir brauchen parallel dazu die Zivilcourage gegen besagte radikale Tendenzen als offene Gesellschaft aufzustehen.

In der anstehenden digitalen Transformation geht es in Deutschland um die Wurst, gerade auch um radikalen Tendenzen vorzubeugen.

In der anstehenden digitalen Transformation geht es in Deutschland um die Wurst, gerade auch um radikalen Tendenzen vorzubeugen.

Veröffentlicht von StefanP.

Stefan Pfeiffer ist seit 2007 bei der IBM in verschiedenen Marketingpositionen tätig. Als gelernter Journalist hat er natürlich eine Leidenschaft für das Schreiben, die er hier im CIO Kurator, aber auch in seinem persönlichen Blog DigitalNaiv auslebt. Seine inhaltliche Leidenschaft im IT-Umfeld gilt dem digitalen Arbeitsplatz, dem Digital Workplace. Auf Twitter ist er als @DigitalNaiv „erreichbar“.

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