Gerade habe ich den „Circle“ von Dave Eggers gelesen. Das Buch wird extrem kontrovers diskutiert und kritisiert. Bei aller berechtigten Kritik an Sprache, sachlichen Fehlern und sehr einseitiger Beleuchtung der Thematik: Meiner Ansicht nach ist es es gut, dass Dave Eggers ein sehr drastisches Schlaglicht auf viele Risiken unseres digitalen Zeitalters wirft, die quasi religiösen manches Internet-Konzerns anprangert – man lese manche Bemerkung von Eric Schmidt – und die Risiken bei einem blauäugigen Umgang mit Big Data skizziert.

Vor allem sind viele Themen brandaktuell: Wer mit einer Smart Watch, seine persönlichen Gesundheits-, Bewegungs- und Fitnessdaten trackt, wer der Diskussion um selbstfahrende Autos nicht nur auf der IAA folgt, wer auf Messen der dmexco den Marketingversprechen von Big Data und Marketing Automation hört, wer Kameraüberwachung allenthalben sieht, wer die aktuellen Hasstiraden auf Facebook und anderen sozialen Netzen mit Entsetzen verfolgt, wer die Snowden-Affäre und die Überwachungsorgien noch im Kopf hat, wer die Macht sozialer Medien beim arabischen Frühling gesehen hat, wer sich damit befasst, wie ein kognitives System wie IBM Watson für die Krebsforschung und -vorsorge eingesetzt wird, der findet unzählige Anknüpfungspunkte im „Circle“

Natürlich ist das Buch Wasser auf die Mühlen derjenigen, die schon immer das Netz und neue Technologie verteufelt haben und verteufeln. Doch diese Skeptiker lehnen Netz und neue Technologien eh ab, oft, ohne sich wirklich in der Tiefe auch mit den Chancen digitaler Technologien auseinanderzusetzen. Wo besonders die Amerikaner zu blauäugig und in den Konzernen oft quasi-religiös beim Umgang mit neuen Technologien sind, sind wir Deutschen viel zu oft Berufspessimisten und Nein-Sager. Gerade die bekannten Medien neigen genau in diese Richtung. Man lese den Bericht über die dunklen Seite des Silicon Valley auf Handelsblatt und den Kommentar von Gunnar Sohn dazu.

Ich bin dafür, aktiv auf neue Technologien zuzugehen, Chancen und Risiken abzuwägen, zu gestalten, statt immer abzulehnen und verbieten zu wollen, was oft nicht zu stoppen und zu untersagen ist – und dann als Standort hinterher zu hinken. Gerade wir Deutschen neigen dazu, zu verbieten und zu regulieren – siehe das unsägliche E-Mail-Abschalten mancher deutscher Konzerne. Die Auseinandersetzung mit neuen Technologien, mit Informationsflut, dem Internet der Dinge und sozialen Medien muss aber offen, konstruktiv und kontrovers, vor allem aber mit Sachverstand geführt werden. Ich halte es dabei mit meiner Kollegin Marie Wallace, die gerade angesichts der neuen Analytics-Möglichkeiten „Privacy by Design“ postuliert. Genau das ist der richtige Ansatz. Hirn einschalten und voran gehen. Und in dieser Beziehung ist der „Circle“ durchaus auch ein berechtigtes Plädoyer für das Recht auf Privatsphäre und Offline sein. In Die Zeit wurde in einem Beitrag gefragt, ob der Circle ein gutes Buch ist. Ich sage, es ist ein notwendiges Buch.

Veröffentlicht von Stefan Pfeiffer

Stefan Pfeiffer ist seit 2007 bei der IBM in verschiedenen Marketingpositionen tätig. Als gelernter Journalist hat er natürlich eine Leidenschaft für das Schreiben, die er hier im CIO Kurator, aber auch in seinem persönlichen Blog DigitalNaiv auslebt. Seine inhaltliche Leidenschaft im IT-Umfeld gilt dem digitalen Arbeitsplatz, dem Digital Workplace. Auf Twitter ist er als @DigitalNaiv „erreichbar“.

One Comment

  1. […] die Protagonistin über ihre Social Score terrorisiert werden. In diesem Buch, das ich auch hier in meinem Blog behandelt habe, wird durch einen Social Score in dem fiktiven Unternehmen The Circle – man kann […]

    Antwort

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