Jenseits der lobenswerten Hilfsbereitschaft vieler sind große Teile der Bevölkerung wegen der Flüchtlingswelle besorgt. Und natürlich heben diejenigen, die einen humanitären Umgang mit den Flüchtlingen anmahnen und deshalb auch die Politik von Angela Merkel befürworten, den moralischen Zeigefinger, wenn andere oft stammtischhaft Ihre Bedenken gegenüber der Aufnahme von Flüchtlingen äußern.

Nach einem Tennistraining vor einigen Wochen hörte ich von einem ganz normalen Mittelstands-Otto- Normalbürger dessen Bedenken gegen den Zuzug der Flüchtlinge und seine Beschwerde, man werde ja heutzutage sofort in die rechte oder gar Naziecke gestellt, wenn man gegen die unkontrollierte Aufnahme sei. So weit, fast noch gut. Aber dann der Satz „Natürlich sei das früher schlimm gewesen, aber …„. Das letzte „aber“ war (mir) zu viel.  Da kommt mir als jemand, der Geschichte und gerade auch die Geschichte des Dritten Reichs studiert hat, die Galle hoch.

Ähnliche Aussagen musste ich auch im Urlaub von anderen mehr als wohl situierten Deutschen – den Kragen des rosa Polohemds hochgeklappt und Zigarre rauchend – hören, die über Angela Merkel und deren Politik meckerten. Man müsse den Zuzug umgehend stoppen und so weiter und so fort. Die etwas forscheren Aussagen spare ich mal bewusst aus. Das ist mehr als die typische „deutsche Angst“. Da spricht der Stammtisch mit forschen rechten Aussagen.

[Nur eine Randbemerkung, aber amüsant war schon, dass einer jener Bedenkenträger, der in Schweiz lebt, sich nahezu in gleichem Atemzug über die Diskriminierung der Deutschen und den Rassismus der Schweizer gegenüber den Deutschen beschwerte.]

Mit Abscheu und teilweise Entsetzen sehe ich die Pegida-Tiraden im Osten unseres Landes an. Aber nein, es ist eben nicht nur ein Problem in unseren neuen Bundesländern. Auch inmitten der ehemalige Wessi-Länder gibt es – siehe oben – eine Tendenz zu Fremdenfeindlichkeit, Intoleranz und rechtem Gedankengut, gerade auch im reichen Wirtschaftsbürgertum. Die Grenze zu nationalistischen und rechtsradikalem Gedankengut ist augenscheinlich nicht fern.

Wir bewegen uns derzeit auf dünnem Eis. Einerseits darf man Bürger, die wegen des Flüchtlinszuzugs besorgt sind, nicht radikalisieren und in die Hände der AfD und anderen rechter Rattenfänger treiben. Andererseits muss man meiner Meinung nach klar Farbe bekennen und radikalen Aussagen entgegen treten. Gerade wir Deutschen können Flüchtlinge nicht einfach im Meer und an den Grenzen verrecken lassen. Weil Angela Merkel hier mit der Aufnahme richtig gehandelt hat, ist sie in diesem Jahr auch zu meiner Kanzlerin geworden. Vorher war sie das nicht.

Es gilt also – auch wenn es manchmal schwer fällt – die sachliche Auseinandersetzung auch mit oben beschriebenen Gutbürgern zu führen und auf unsere humanitäre und ja, auch historische Verpflichtung hinzuweisen. Aber NULL Toleranz darf es sowohl gegenüber jenen geben, die Flüchtlingsheime anstecken, und jenen, die dabei zuschauen wollen, wie Menschen an den Grenzen ersaufen und sterben. Ja, auch in anderen Ländern gibt es einen bedenkliche Ruck nach rechts. Das darf aber nicht dazu führen, dass wir solche Tendenzen in unserem Land bagatellisieren.

Man darf und kann Bedenken wegen des Zustroms von Flüchtlingen haben, jedoch sind wir zu 100 % der Menschlichkeit und dem Humanismus verpflichtet. Vermeintliche radikale, menschenverachtende Lösungsansätze haben hier nichts, absolut gar nichts zu suchen. Und in der Auseinandersetzung mit dem rechten Gedankengut und im Kampf gegen Radikalismus ist die Courage jedes Bürgers gefragt, der sich der Demokratie und der Menschlichkeit verpflichtet fühlt. Wehret den Anfängen.

P.S. Eigentlich selbstverständlich und nicht nochmals besonders erwähnenswert, aber um Missverständnisse zu vermeiden trotzdem: Unbestritten ist dabei  – da sind sich wahrscheinlich viele einig -, dass wir zu einem kontrollierteren Zustrom von Flüchtlingen kommen wollen. Und ja, wir Deutschen müssen auch Druck auf die anderen europäischen Länder ausüben, dass auch diese ihren „Fair Share“ an der Belastung mittragen.

Veröffentlicht von Stefan Pfeiffer

Stefan Pfeiffer ist seit 2007 bei der IBM in verschiedenen Marketingpositionen tätig. Als gelernter Journalist hat er natürlich eine Leidenschaft für das Schreiben, die er hier im CIO Kurator, aber auch in seinem persönlichen Blog DigitalNaiv auslebt. Seine inhaltliche Leidenschaft im IT-Umfeld gilt dem digitalen Arbeitsplatz, dem Digital Workplace. Auf Twitter ist er als @DigitalNaiv „erreichbar“.

6 Comments

  1. Ich habe hier auch einen Kommentar zur fragwürdigen Rolle der Türkei bekommen. Ich teile viele der skeptischen Kommentare, doch sind mir einige Bemerkungen zu drastisch. Deshalb werde ich den Originalkommentar hier nicht veröffentlichen und bitte um Verständnis.

    Und ja: Das Verhalten der türkischen Regierung darf und muss hinterfragt werden. Die Tagespolitik scheint einmal wieder zu Zweckbündnissen zu zwingen, die fragwürdig sind. Erdogan und Konsorten nutzen wie auch unser „Freund“ Putin die gegenwärtige Situation aus.

    Antwort

  2. joergallmann 31/12/2015 um 12:53

    Das „zusätzlich“ frustrierende an diesem Thema ist, dass es in der Medienlandschaft zum Geldverdienen missbraucht wird (das Thema ist medientechnisch doch schon fast wieder out – wo ist das nächste Fass, das man aufreißen und vermarkten kann), dass alle Politiker mit einer oder mehreren (je nach intellektuellen Fähigkeiten) hidden agendas agieren, und dass wir deshalb als normaler Bürger viele Fakten oder Fehlinformationen gar nicht bewerten können. Die Flüchtlingswelle 2015 ist nicht das Ende der Globalisierung. Irgendwann platzt die asiatische Bombe, wenn die Asiaten keine Lust mehr haben in Dreck und Elend zu leben und für uns für 5 Cent Lacoste T-Shirts zu nähen, die dann für 120€ in unseren Shopping Malls hängen. Wir werden uns noch über mehr Dinge Gedanken machen müssen als Flüchtlinge nach „Mit Pass“ und „Ohne Pass“ zu sortieren.

    Dies nur so als mein Einstieg in die Debatte auf dieser Plattform.

    Antwort

  3. Ein wesentlicher Punkt bei meiner Offizierausbildung bei der Luftwaffe vor 35 Jahren war die Geschichte vor, während und nach des 2. Weltkrieges sowie daraus zu ziehende Lehren (insbesondere für deutsche Soldaten, wenn auch damals noch die Sichtweise dahingehend ziemlich „blauäugig“ war). Für diese Ausbildung bin ich sehr dankbar.

    Wenn ich mir dann viele Kommentare und Meinungen zu Flüchtlingen und generell der Thematik Zuzug anhöre / lese, dann erschreckt mich immer wieder die Unwissenheit der Geschichte und der geradezu blinden Blickweise auf das, was damals passierte und das, was gerade passiert. Es kommt mir manchmal vor, als ob die letzten 70 Jahre gar nicht stattgefunden hätten. Dieselbe Unwissenheit und Ignoranz gepaart mit ähnlichen Parolen. Ein bewusstes Auseinandersetzen mit Hintergründen, Ursachen und Auswirkungen findet selten statt, leider 😦

    Antwort

  4. Lieber Frank, das kann ich Dir nur zustimmen. Besagte oben zitierte rosa Polohemdträger mussten im Urlaub noch bemerken, dass Länder im Nahen Osten – wie Ägypten, Lybien usw – halt Führer bräuchten, damit es dort funktioniere. Bei allen Problemen und Herausforderungen, die man dort mit Demokratie westlicher Prägung zu haben scheint, sollte man als halbwegs gebildeter Deutscher das Wort „Führer“ in einem solchen Zusammenhang nie in den Mund nehmen.

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