Eine interessante, auch beunruhigende Studie, finde ich:

Demnach haben gerade einmal sechs von zehn großen Unternehmen weltweit eine globale Kollaborationsstrategie definiert – in Deutschland sind es immerhin fast sieben von zehn. Gleichzeitig sagen aber 90 Prozent der Befragten, dass Kollaboration die Zusammenarbeit im Team verbessert und die Entscheidungsfindung beschleunigt.
Gerade Unternehmen mit mehreren Standorten und solche, die international aufgestellt sind, kommen an einer einheitlichen Kollaborationsstrategie nicht vorbei. Unter anderem aus diesem Grund werden Web-Konferenzen im kommenden Jahr am stärksten an Bedeutung gewinnen: Fast sechs von zehn Befragten weltweit sehen hier einen steigenden Bedarf (57 Prozent), gefolgt von multifunktionalen Videokonferenzen (45 Prozent) und sozialen Unternehmensnetzwerken (43 Prozent).

Source: Digitale Transformation: Zwei von fünf Unternehmen ohne Kollaborationsstrategie | Kroker’s Look @ IT

Die Frage, die sich mir stellt, ist, wieviele Unternehmen unter Kollaboration leider noch immer dicke fette E-Mail-Klienten und überladene Office-Programme verstehen. Das ist sicher nicht nur Schuld der Strategen, die vermeintlich die Strategie definieren. Wir alle unterschätzen die menschliche Beharrungskraft, die Trägheit des Faktischen. Meine, nicht wissenschaftlich untermauerte Vermutung: Noch immer versenden viele (die meisten) Anwender Dateien als Anhang. Noch immer wird ein großer Teil des Wissens lokal auf Festplatten oder in E-Mail-Silos gespeichert.

Ist das Schuld der Anwender? Nein, sicher nicht nur. Gewachsene Arbeitsweisen und Macht- und Managementstrukturen sind ein Teil des Problems, die mangelnde Fähigkeit der Software-Anbieter, einfach und intuitiv zu bedienende Lösungen zu entwickeln, ein weiterer Aspekt. Und IT-Abteilungen, deren Macht schon längst durch Schatten-IT mehr als nur in Frage gestellt ist, tragen durch Nichts-falsch-machen-wollen, Angst vor Arbeitsplatzverlust durch die Cloud und Blockadepolitik ihren Teil am Problem bei.

Die Zeit des Blockierens ist aber im Zeitalter der viel beschworenen digitalen Transformation vorbei. Verschiedene Trends befeuern sich gegenseitig:

  • Das Internet of Things nimmer unaufhaltsam Fahrt auf.
  • Neue kognitive Technologien wie IBM Watson und die unterdessen verfügbare Rechnerleistung realisieren Versprechen der künstlichen Intelligenz, wie sie schon seit Jahren, ja Jahrzehnten postuliert werden.
  • Die Schatten-IT ist schon lange nicht mehr im Schatten: Dropbox, WhatsApp, Facebook, Slack klopfen an die Unternehmensmauern. Wie viele unternehmensrelevante Dokumente liegen heute in nicht wirklich sicheren Repositories, die die Anwender aus dem privaten Umfeld kennen?
  • Mobilität und mobile Endgeräte sind Realität. Die Anwender sind always on, wie man täglich in den Städten beobachten kann. Smart Phone, Watch oder Tablet sind immer im Blick und in Reichweite.
  • Auch dadurch verschwimmen die Grenzen zwischen privat und beruflich immer weiter, in der Nutzung privater Geräte und Apps für den Beruf, aber auch in der Einteilung von Arbeitszeit und Privatleben.
  • Mit Vehemenz verteidigt die alte Nomenklatura mit alten Command-and-Control-Management-Praktiken ihre Hierarchie- und Machtpositionen. Das erinnert an die Macht- und Beharrungsstrukturen in den Kadern und der Bürokratie der alten Sowjetunion.
  • Flache Hierarchien und durch die digitale Transformation notwendige Reformen sowie Abbau von Managementstufen werden zwar vordergründig postuliert, aber im Hintergrund in Wirklichkeit hintertrieben. Wer will schon seinen Job und seine Machtposition in der Nomenklatura verlieren?
  • Die Motivation der Mitarbeiter nicht nur in deutschen Unternehmen ist unter aller Kanone. Chefs nehmen ihre Mitarbeiter jenseits des normalen Gejammeres von Mitarbeitern schon lange nicht mehr mit. Was würden und könnten Mitarbeiter leisten, die wieder engagiert sind?

Der digitale Wirbelsturm wird vor Unternehmen, die sich nicht radikal ändern, keinen Halt machen. Das erfordert wirklichen Kulturwandel, Willen zur Veränderung und den Abschied von der Office-Welt und den Office-Paketen der 90er Jahre und die wirkliche Adaption der Technologien und Formen der Zusammenarbeit des digitalen Zeitalters. Es kann nicht sein, dass wir beispielsweise angesichts der E-Mail-Flut seit 20 Jahren keine wirkliche Innovation in diesem Bereich erfahren haben und immer noch als E-Mail-Sortierer dahin vegetieren. Die Zeit für Management by Excel und E-Mail sollte vorbei sein.

Der Weg ist nicht einfach, Wandel  schwierig und langwierig, aber es gibt keine wirkliche Alternativen zur Veränderung – jetzt. Jedoch verteidigt die Nomenklatura mit Händen und Füssen ihre Machtposition, rationalisiert und demotiviert die Mitarbeiter und versucht bis zur Rente oder großzügigen Abfindung zu überleben. Doch Unternehmen, die sich angesichts der anstehenden Herausforderungen nicht ändern, werden mittel- oder gar kurzfristig nicht überleben. Uber, Airnbnb und Tesla sind überall, auch wenn es manche „Strategen“ zu ignorieren versuchen. Mut, Courage, Führung sind jetzt gefragt oder wie würde es Oli Kahn sagen: Wir brauchen (gerade jetzt) … in der Hose.

ConnectedEnterprise

Veröffentlicht von Stefan Pfeiffer

Stefan Pfeiffer ist seit 2007 bei der IBM in verschiedenen Marketingpositionen tätig. Als gelernter Journalist hat er natürlich eine Leidenschaft für das Schreiben, die er hier im CIO Kurator, aber auch in seinem persönlichen Blog DigitalNaiv auslebt. Seine inhaltliche Leidenschaft im IT-Umfeld gilt dem digitalen Arbeitsplatz, dem Digital Workplace. Auf Twitter ist er als @DigitalNaiv „erreichbar“.

5 Comments

  1. Rainer Gimbel 10/04/2016 um 22:28

    Toller Betrag! Ich erwarte die „…“ in der Hose aber auch von den Anbietern der Kollaborations-Software den Weg aus der Email-Falle konsequent vorzugeben und nicht immer wieder mit „Optimierung des Status Quo“ Produkten, wie Verse oder Office 365 Groups um die Ecke zu kommen, um Email getriebene Kunden nicht zu verängstigen.
    JMHO

    Antwort

  2. Hat dies auf Ich sag mal rebloggt und kommentierte:
    Ist so: Mit Vehemenz verteidigt die alte Nomenklatura mit alten Command-and-Control-Management-Praktiken ihre Hierarchie- und Machtpositionen. Das erinnert an die Macht- und Beharrungsstrukturen in den Kadern und der Bürokratie der alten Sowjetunion.

    Antwort

  3. Was Du schreibst, ist vielen System-Anbietern völlig wurscht. Die verharren in ihren sowjetischen Kommandostrukturen. Wird sich aber irgendwann rächen.

    Antwort

  4. joergallmann 11/04/2016 um 10:05

    Ich glaube das generelle Management Bashing und das IT-Management Bashing ist nicht so dolle hilfreich. Im Management sehe ich weniger das „Verharren wollen“ als Hauptgrund für mangelnde Innovation als mehr, das „Nicht-Wissen-Wie“, das „Nicht-Entscheiden-Können-Mit-Welchen-Mitteln“ und in das „Nicht-Ausreichend-Budget-Haben“. Ein IT-Manager in einem großen Unternehmen muss schon ganz schön Rückgrat haben, um bestimmte Collaboration-Prozesse und die dazugehörigen Tools zum Unternehmensstandard 2016 zu deklarieren, wenn rund um ihn alle 5 Minuten eine neue Sau durchs Dorf gejagt wird. Bei den Tools der großen Hersteller (du kennst einen) muss er rechtfertigen, warum das UI nicht so hip ist, wie bei Tools von kleineren Herstellern, bei den Nischentoiols muss er Angst haben, dass sie vom Markt verschwinden und er auf einen Loser gesetzt hat. Unsere Aufgabe sehe ich darin, in diesem Dickicht zu tauglichen Entscheidungen zu verhelfen.

    Antwort

  5. Ich füge mal den Link zu Jörgs Blog Post bei. Mein Kommentar ist angefügt: http://thinking.holistic-net.de/?p=2663&lang=de

    Antwort

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