Samstag später Vormittag. Die Putzfrau ist da und ich verziehe mich in mein Arbeitszimmer, schalte das MacBook an, überweise schnell per Online Banking einige Rechnungen, bevor ich dann einige E-Mails an Kollegen schicke. Eine E-Mail ist ein Protokoll einer Besprechung vom Freitag, wo ich um 14 Uhr (fast) Feierabend gemacht habe.

Sonntags zwischendurch. Einer unserer Kater und ich liegen zusammen auf dem Sofa: Ich lese ein Buch auf dem iPad. Plötzlich gehen mir Ideen zu einigen interessanten beruflichen Projekte durch den Kopf. Und schon werden sie eingetippt. Wohl dem, der seine Arbeit (auch im Kopf) nicht mit nach Hause nimmt.

Irgendwann in der Woche, morgens, mitten drin oder abends: Ich schaue in den Posteingang meines iPhones und sehe, dass ich 25 neue Nachrichten habe. 12 davon sind beruflich, alle anderen privater Natur. Nein, doch nicht. Unter einer meiner privaten E-Mail-Adressen kommt der Computerwoche-Newsletter sowie einige Benachrichtigungen und Zusammenfassungen zu Themen an, die mich interessieren. Diese Alerts sind zu Themen rund um meinen Job. Und ich schaue mir E-Mails und Benachrichtigungen an, morgens im Bett oder beim Frühstück, abends auf dem Sofa.

Neben mir liegt die FAZ vom Samstag. In Beruf und Chance ist ein Beitrag unter dem Titel „Kollege, schalt mal ab!“ erschienen. Der Titel ist selbstredend. Es geht genau darum, dass ständig E-Mails auf uns einströmen, auf dem Diensthandy oder wie in meinem Falle auf meinen eigenen Devices und das zu Stress und auch gesundheitlichen Problemen führen kann. Unternehmen wie VW schalten deshalb ihre E-Mail-Server zu bestimmten Zeiten an. Lufthansa Technik – so der FAZ-Artikel – gestattet die Benutzung des Mobiltelefons nur in den Pausen, um volle Konzentration in der Wartung der Maschinen zu gewährleisten.

Donnerstag nachmittag in Stuttgart: Wir sitzen bei Design Offices und schauen uns deren unterschiedliche Arbeits- und Projekträume an. Das geht heute schon deutlich über Co Working Spaces hinaus. Selbst große Unternehmen mieten Räume dort an, um bestimmte Projekte in einer ganz anderen Arbeitsumgebung und -atmosphäre durchzuführen. Der Geschäftsführer von Design Offices, Michael Schmutzer, spricht über seine Erfahrungen und Ideen rund um Disruption und Digitalisierung. Hoch interessant. Nach dem Termin auf die Autobahn: 3,5 Stunden zurück nach Darmstadt. Stau.

Auf dem Podium der 48forward neulich geht es um die neue Arbeitswelt. Anlässlich des neuen Microsoft Headquarters in München fällt der Begriff Vertrauensarbeitsplatz und Vertrauensarbeitszeit. Innovativ? Kalter Kaffee? Nein, das Thema Vertrauen ist weiterhin aktuell, auch wenn wir bei IBM seit 20 Jahren Home Office und „Shared Desks“ haben. Ich muss immer an das Erlebnis einer Freundin – tätig in der Personalentwicklung eines Mittelständlers – denken, die einen Tag zu Hause arbeitete, um in Ruhe ein Konzept zu entwickeln. Prompt rief der CEO an und sein Kommentar mit gewisser Unterschwelligkeit war: „Na, haben Sie sich einen Tag Urlaub genommen …“

Irgendwann in der Woche, irgendwann im Jahr: Ich sitze in meinem Home Office, in dem ich meist meine Arbeit verrichte, so ich nicht unterwegs auf Veranstaltungen oder mal in einem IBM Büro bin. 2007 bin ich zur IBM gekommen. Die 7 Jahre davor bin ich nahezu jeden Tag in das Büro der FileNet GmbH nach Bad Homburg gefahren, morgens 57 Kilometer bin, abends 57 Kilometer zurück. Wenn es gut gelaufen ist, habe ich jeweils zwischen 30 und 45 Minuten gebraucht.

Nun arbeite ich daheim und bin der beste Freund aller Paketboten, die das natürlich mitbekommen haben. In der nächsten IBM Niederlassung in Frankfurt-Sossenheim oder auch in Kelsterbach sitzen keine Kollegen, mit denen ich direkt zusammen arbeite. Sie arbeiten auch von zu Hause, in Fulda, in der Zentrale in Ehningen oder in Rumänien. Oder sie sind meist unterwegs wie unser Sales Manager Tom. Mit Handy, Telefonkonferenzen, Chat, E-Mail oder über unser internes soziales Netzwerk kommunizieren wir miteinander.

Die Telefonkonferenzen sind die größte Pest. Viel zu viele Telcos. Manchmal sind mehr als 20 Leute drinnen. Sie rauschen an einem vorbei. Man chattet parallel oder erledigt E-Mails.

Doch zurück zum eigentlichen Thema: Die Grenzen zwischen Privatleben, privaten Lebensräumen, Arbeit und klassischem Büro verschwimmen. Home Office oder Handy eröffnen neue Freiheiten. Und sie bergen Risiken. Vielleicht sollte ich mal meine Arbeitszeit stoppen. Könnten durchaus mehr als 40 Stunden sein. Aber ist es Arbeit, wenn ich in meinem RSS Reader die neuesten Informationen lese – und das nicht nur zu Fussball und Wein. Oder ist es Arbeit, wenn ich diesen Artikel schreibe?

Ich bin ein Freund der neuen Möglichkeiten und Freiheiten, die eben Smartphone, Home Office, innovative Arbeitsumgebungen und Technologien ermöglichen. Ich habe das Gefühl, dass mein Leben dadurch freier geworden ist. Mir ist aber wohl bewusst, ja, ich wünsche mir die Auseinandersetzung um Chancen und Risiken. Doch plädiere ich dafür, bewusst zu gestalten statt dumpf verbieten zu wollen.

Die neuen Arbeitswelten, Privat- und Arbeitsleben, Digitalisierung und der Einfluss künstlicher Intelligenz, neue Technologien am Arbeitsplatz, deren Einführung und vernünftiger Einsatz werden mich sicher auch 2017 intensiv beschäftigen. Ich freue mich auf viele Gespräche und Diskussionen mit neuen und alten Bekannten, und das nicht nur auf der CeBIT oder der re:publica.

Veröffentlicht von StefanP.

4 Comments

  1. Klasse Beitrag, welchen ich nur voll unterschreiben kann.

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  2. Ich kann dem auch nur uneingeschränkt zustimmen. Es liegt in meiner Verantwortung, ob ich auch abends und am Wochenende „arbeite“. Aber soll ich die gute Idee bis Montag morgen in meinem Kopf „parken“? Nein, da notiere ich sie doch schnell am Wochenende oder verpasse mir auch gerne mal eine Sprachnotiz mit Textfetzen, die mir durch den Kopf schwirren.

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  3. Sehr lesenswert und interessant, gerade aus Gen-Y Perspektive, der nur die „neue“ Welt kennt.

    Lese immer wieder gerne bei Dir rein…

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  4. […] Und mein letzter Punkt: Arbeitswelten von heute und morgen brauchen eine Vertrauenskultur. Wer noch immer auf „Command and Control“ und Hierarchien setzt, hat die Zeichen der digitalen Transformation verpasst. Dass, was Vorstandsvorsitzender Dieter Zetsche derzeit beim Daimler versucht  – Hierarchien einzureissen und auf Schwarmorganisation umzustellen – ist meiner Ansicht nach wegweisend. In ein solches Konzept gehören auch Vertrauensarbeitszeit und Vertrauensarbeitsplatz. […]

    Antwort

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